RIS-Daten auf einen Blick
Sachverhalt
Die Parteien vertreiben Heizsocken, an die ein Akku angeschlossen werden kann. Für die Klägerin ist ein Gemeinschaftsgeschmacksmuster für „Strümpfe“ eingetragen. Streitgegenstand war insbesondere die Gestaltung des Anschlussbereichs am Sockenbund mit drei senkrecht angeordneten Druckknopf-Ösen. [2] [6]
Die Klägerin begehrte unter anderem Unterlassung, Beseitigung, Urteilsveröffentlichung, Rechnungslegung und Zahlung sowie Auskunft. Sie stützte ihre Ansprüche auf die Gemeinschaftsgeschmacksmusterverordnung und den lauterkeitsrechtlichen Schutz gegen Nachahmung. Beide Vorinstanzen wiesen die Klage ab. Sie gingen von einem unterschiedlichen Gesamteindruck und fehlender Verwechslungsgefahr aus. [4] [6]
Mit ihrer außerordentlichen Revision strebte die Klägerin eine Klagsstattgebung an. Sie beanstandete unter anderem die Gerichtsbesetzung, die Behandlung ihrer Mängel- und Beweisrügen sowie die Beurteilung des Designschutzes und der Nachahmung. Der OGH entschied darüber am 18. März 2025 zu 4Ob106/24b. [3] [6]
Ausführungen des OGH
Der OGH prüfte, ob die Revision eine erhebliche Rechtsfrage aufzeigte. Die Beurteilung des Gesamteindrucks eines Geschmacksmusters und der Verwechslungseignung einer Nachahmung betrifft regelmäßig den Einzelfall. Eine erhebliche Rechtsfrage muss außerdem für die Entscheidung ausschlaggebend sein. [6]
- Gerichtsbesetzung und Verfahrensrügen: Der Besetzungseinwand ging ins Leere: In der Hauptsache wirkte ein fachmännischer Laienrichter mit. Ob die feststehende Produktgestaltung einen Eingriff oder eine unlautere Nachahmung bildet, ist vorrangig eine Rechtsfrage. Auch sekundäre Feststellungsmängel gehören zur Rechtsrüge. [3] [6]
- Rechtsgültigkeit und EUIPO-Verfahren: Die Regelungen der Art 85 ff GGV betreffen die Rechtsgültigkeit des Gemeinschaftsgeschmacksmusters. Davon gingen die Vorinstanzen ohnehin aus. Der Hinweis auf das EUIPO-Nichtigkeitsverfahren begründete daher den behaupteten Verstoß gegen die Bindungswirkung nach Art 86 Abs 5 GGV nicht. [6]
- Informierter Benutzer: Schutzfähigkeit und Verletzung sind grundsätzlich anhand des Gesamteindrucks beim informierten Benutzer im direkten Vergleich zu beurteilen. Dieser verfügt über mehr Kenntnisse und Aufgeschlossenheit für Designfragen als ein Durchschnittsverbraucher, muss aber kein Fachmann sein. [6]
- Technisch beeinflusste Gestaltung: Selbst wenn Anzahl und Anordnung der Ösen nicht ausschließlich technisch bedingt sind, folgt daraus kein gleicher Gesamteindruck. Der informierte Benutzer nimmt das Feld mit Ösen und Anleitungen zumindest als technisch und rechtlich beeinflusst wahr. Eine rein dekorative Funktion ließ sich daraus nicht ableiten. [6]
- Unterschiedlicher Gesamteindruck: Das Muster der Klägerin vermittelte einen schlichten, eleganten Eindruck eines langgezogenen Streifens. Bei der Beklagten standen ein gedrungenes Raster und die auffällige weiße Beschriftung im Vordergrund. Diese Unterschiede konnten einen Eingriff ausschließen; auch die Einbeziehung der Ösen änderte daran nichts. [6]
- Grundsatz der Nachahmungsfreiheit: Nachahmungen sind im Interesse der Wettbewerbsfreiheit grundsätzlich zulässig. Lauterkeitswidrigkeit kann durch besondere Begleitumstände entstehen, etwa glatte Leistungsübernahme, vermeidbare Herkunftstäuschung oder unangemessene Ausnutzung der Wertschätzung des nachgeahmten Produkts. [6]
Ergebnis
Der OGH wies die außerordentliche Revision gemäß § 508a Abs 2 ZPO zurück, weil die Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO nicht vorlagen. Die übereinstimmende Klageabweisung der Vorinstanzen blieb damit bestehen. Es handelte sich um eine Zurückweisung mangels erheblicher Rechtsfrage, nicht um eine neuerliche Sachentscheidung über sämtliche Ansprüche. [1] [6]
- Verwechslungsgefahr: Die Verneinung einer Verwechslungsgefahr war angesichts der Unterschiede in der Gesamtgestaltung vertretbar. Eine Verkehrsbefragung war zur rechtlichen Beurteilung nicht erforderlich, weil allgemeine Lebenserfahrung ausreichte. [6]
- Eigenes kompatibles System: Die Beklagte bot unter deutlich unterscheidbarer eigener Marke ein System aus Socken und Akkus an, keine Wechselsocken für Akkus der Klägerin. Die bloße Kompatibilität warf hier keine erhebliche Rechtsfrage auf. Der OGH verglich den Fall mit dem eigenständigen Klemmbausteinsystem in 4 Ob 196/00b. [6]
- Nicht festgestellte Begleitumstände: Eine bewusste Nachahmung der Druckknopfanordnung und ein überragend guter Ruf der Klägerin waren nicht festgestellt. Auch ein Verständnis der Gestaltung als Unternehmenshinweis ergab sich im Verfahren nicht. [6]
Rechtsgrundlagen
Maßgeblich waren die im Beschluss behandelten Vorschriften der ZPO, der JN, der Gemeinschaftsgeschmacksmusterverordnung und des UWG. Die designrechtliche Prüfung des informierten Benutzers ist von der lauterkeitsrechtlichen Betrachtung des Durchschnittsverbrauchers zu unterscheiden. [6]
- § 502 Abs 1 und § 508a Abs 2 ZPO: Diese Bestimmungen bilden die Grundlage für die Zurückweisung der außerordentlichen Revision mangels erheblicher Rechtsfrage. [1] [6]
- § 8 Abs 2 JN: Die Vorschrift war für den Besetzungseinwand relevant. In der Hauptsache hatte das Berufungsgericht mit einem fachmännischen Laienrichter entschieden. [3]
- Art 8 Abs 1 GGV: Die technische Bedingtheit der Gestaltung war nicht entscheidungserheblich: Auch bei Einbeziehung der Ösen blieb die Beurteilung eines unterschiedlichen Gesamteindrucks tragfähig. Die Frage zu Art 8 Abs 2 GGV ließ der OGH offen. [6]
- Art 10 Abs 2 GGV: Der Grad der Gestaltungsfreiheit ist für den Schutzumfang bedeutsam. Selbst unter Annahme eines durchschnittlichen Schutzumfangs zeigte die Revision hier keine erhebliche Rechtsfrage auf. [6]
- Art 85 ff und Art 86 Abs 5 GGV: Der OGH ordnete diese Regelungen der Rechtsgültigkeit des Gemeinschaftsgeschmacksmusters zu. Die Vorinstanzen hatten dessen Rechtsgültigkeit nicht verneint. [6]
- § 1 UWG: Beim Schutz gegen Nachahmung gilt grundsätzlich Nachahmungsfreiheit. Für eine unlautere Nachahmung müssen besondere Begleitumstände hinzutreten. [6]
Kernaussage (Zusammenfassung)
Der OGH wies die außerordentliche Revision zurück. Die Beurteilung eines unterschiedlichen Gesamteindrucks und fehlender Verwechslungsgefahr war im konkreten Fall vertretbar. Auch bei Einbeziehung der Druckknopf-Ösen ergab sich kein günstigeres Ergebnis für die Klägerin. Das eigene, bloß kompatible Heizsockensystem der Beklagten warf ebenfalls keine erhebliche Rechtsfrage auf.
Spruch (Originaltext aus dem RIS)
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Quellennachweise aus dem RIS
Spruch – Auszug
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001.
Quelle im RIS öffnenSachverhalt – Auszug
Begründung:
[1] Die Streitteile vertreiben jeweils Heizsocken, an die ein Akku angeschlossen werden kann. Für die Klägerin ist folgendes Gemeinschaftsgeschmacksmuster für „Strümpfe“ eingetragen:
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img1is.jpg/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img2is.jpg
[2] Der Anschlussbereich am Bund der Socken der Beklagten ist wie folgt gestaltet:
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img3is.jpg
Vollständigen Abschnitt anzeigen
Begründung:
[1] Die Streitteile vertreiben jeweils Heizsocken, an die ein Akku angeschlossen werden kann. Für die Klägerin ist folgendes Gemeinschaftsgeschmacksmuster für „Strümpfe“ eingetragen:
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img1is.jpg/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img2is.jpg
[2] Der Anschlussbereich am Bund der Socken der Beklagten ist wie folgt gestaltet:
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img3is.jpg
[3] Die Vorinstanzen wiesen übereinstimmend eine auf die VO (EG) Nr 6/2002 des Rates vom 12. Dezember 2001 über das Gemeinschaftsgeschmacksmuster (GGV) sowie auf lauterkeitsrechtlichen Schutz vor Nachahmung gemäß § 1, § 2 (Abs 3 Z 1) und § 9 Abs 3 UWG gestützte Klage ab. Dafür verwiesen sie auf ihre bereits im Provisorialverfahren vertretene und vom Obersten Gerichtshof im Rahmen eines Zurückweisungsbeschlusses zu 4 Ob 72/21y (Anm von Henning Hartwig, Produkt- oder Designschutz?, ÖBl 2023/2; Hirsch, ÖBl 2022/38; Grötschl, ecolex 2022/107) gebilligte Rechtsansicht, wonach ein unterschiedlicher Gesamteindruck vorliege und auch keine Verwechslungsgefahr, insbesondere weil die Druckknöpfe technisch bedingt seien.
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001.
Quelle im RIS öffnenRechtliche Beurteilung – Auszug
[4] Die außerordentliche Revision der Klägerin, mit der sie eine Klagsstattgebung erreichen will, ist mangels Aufzeigens einer erheblichen Rechtsfrage iSd § 502 Abs 1 ZPO nicht zulässig und daher zurückweisen.
[5] 1. Der Einwand der Nichtigkeit der Berufungsentscheidung wegen falscher Gerichtsbesetzung geht ins Leere, weil sich aus dem Kopf klar ergibt, dass zwar über einen Rekurs (zu 1 R 18/24k) mit drei Berufsrichtern entschieden wurde, in der Hauptsache jedoch mit einem fachmännischen Laienrichter gemäß § 8 Abs 2 JN.
Vollständigen Abschnitt anzeigen
[4] Die außerordentliche Revision der Klägerin, mit der sie eine Klagsstattgebung erreichen will, ist mangels Aufzeigens einer erheblichen Rechtsfrage iSd § 502 Abs 1 ZPO nicht zulässig und daher zurückweisen.
[5] 1. Der Einwand der Nichtigkeit der Berufungsentscheidung wegen falscher Gerichtsbesetzung geht ins Leere, weil sich aus dem Kopf klar ergibt, dass zwar über einen Rekurs (zu 1 R 18/24k) mit drei Berufsrichtern entschieden wurde, in der Hauptsache jedoch mit einem fachmännischen Laienrichter gemäß § 8 Abs 2 JN.
[6] 2. Als Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens rügt die Klägerin, dass sich das Berufungsgericht nicht (ausreichend) mit ihrer Mängel- und Beweisrüge auseinandergesetzt habe und es an wesentlichen Feststellungen fehle.
[7] Die Wertung, ob das von der Beklagten vertriebene Produkt – dessen Aufmachung mittels Wiedergabe von Fotos festgestellt wurde, sich aus den vorgelegten Augenscheinsgegenständen ergibt und im Übrigen unstrittig ist – in das Gemeinschaftsgeschmacksmuster der Klägerin eingreift oder eine unlautere Nachahmung darstellt, ist jedoch vorrangig eine Rechtsfrage. Auch (vermeintliche) sekundäre Feststellungsmängel sind der Rechtsrüge zuzuordnen (vgl RS0043304 [T6]).
3. Zum Gemeinschaftsgeschmacksmuster:
[8] 3.1 Als weitere Mangelhaftigkeit des Berufungsverfahrens bzw Begründungsmangel macht die Revision einen Verstoß gegen die Bindungswirkung nach Art 86 Abs 5 GGV geltend, weil die Vorinstanzen von der Rechtsansicht der Nichtigkeitsabteilung und der (dritten) Beschwerdekammer des EUIPO im von der Beklagten angestrengten Nichtigkeitsverfahren abgewichen seien.
[9] Die Art 85 ff GGV regeln jedoch nur die Rechtsgültigkeit eines Gemeinschaftsgeschmacksmusters, von der die Vorinstanzen ohnedies ausgingen.
[10] 3.2 Beizupflichten ist der Klägerin, dass die Schutzfähigkeit eines Gemeinschaftsgeschmacksmusters und die Verletzungsfrage grundsätzlich nach denselben Prüfungskriterien zu beurteilen sind, nämlich danach, ob beim informierten Benutzer (im direkten Vergleich) ein anderer Gesamteindruck erweckt wird (vgl RS0122070, RS0120720). Dieser „informierte Benutzer“ unterscheidet sich durch ein gewisses Maß an Kenntnissen und Aufgeschlossenheit für Designfragen vom „durchschnittlich informierten, aufmerksamen und verständigen Durchschnittsverbraucher der betreffenden Waren- oder Dienstleistungen“, wenn auch nicht Wissen und Fähigkeiten eines Fachmanns anzulegen sind (RS0122068).
[11] Da es sich bei der Beurteilung, ob ein informierter Benutzer einen unterschiedlichen Gesamteindruck gewinnt, um eine typische Frage des Einzelfalls handelt, wird damit – von Fällen korrekturbedürftiger Fehlbeurteilungen abgesehen – keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 502 Abs 1 ZPO aufgeworfen (vgl RS0120720 [T2], RS0122070 [T1]).
[12] Die Anrufung des Obersten Gerichtshofs ist zudem nur zulässig, wenn die Entscheidung gerade von der Lösung einer erheblichen Rechtsfrage abhängt, die angeschnittene Rechtsfrage also für die Entscheidung präjudiziell ist (vgl RS0088931; 4 Ob 125/24x).
[13] 3.3.1 Auch wenn man – wie die Nichtigkeitsabteilung und die (dritte) Beschwerdekammer des EUIPO – davon ausgeht, dass die Entscheidung der Klägerin für drei Druckknöpfe und deren konkrete Anordnung in vertikaler Reihe nicht rein technisch bedingt ist iSd Art 8 Abs 1 GGV (offenlassend hinsichtlich Abs 2), liegt nicht automatisch derselbe Gesamteindruck und damit ein Eingriff vor.
[14] 3.3.2 Schutzgegenstand des Gemeinschaftsgeschmacksmusters der Klägerin ist ein Abschlussbund aus einem Strumpfstoff, auf dem ein Rechteck aus festem Stoff im Hochformat positioniert ist, auf dem wiederum drei (mit stern- und punktförmigen Einkerbungen verzierte) Druckknopf-Ösen senkrecht angeordnet sind; quer darunter befinden sich Pflegehinweise und Verbraucherinformationen in weißer Schrift bzw als Piktogramme.
[15] Die Klägerin argumentiert, dass der Grad der Gestaltungsfreiheit und damit der Schutzumfang iSd Art 10 Abs 2 GGV „durchschnittlich“ sei (zur Wechselwirkung s RS0122071) und der Gesamteindruck hier durch jene Gestaltungsmerkmale geprägt werde, die die grundlegende Formgebung beträfen.
[16] Auch wenn man mit der Klägerin von sichtbaren Elementen und nicht ausschließlich technisch bedingten Merkmalen iSd Art 4, 8 GGV sowie einem durchschnittlichen Schutzumfang ausgeht, wird ein informierter Benutzer von (Heiz-)Strümpfen das Feld mit den Ösen und Anleitungen am Bund aber zumindest als technisch und rechtlich beeinflusst wahrnehmen. Für den von der Klägerin gewünschten „Umkehrschluss“, dass die Ösen als rein verzierendes und deswegen den Gesamteindruck prägendes Element angesehen werden (wie etwa der offenkundig rein dekorative „Burlington-Clip“), gibt es keine Grundlage.
[17] Der Senat verwies bereits im Provisorialverfahren darauf, dass das Design der Klägerin zu einem schlichten und eleganten Eindruck führt, während die Druckknöpfe der Beklagten (die einen geringfügig anderen Abstand haben) auf drei Seiten von Beschreibungen, Anleitungen und ihrer Wortmarke umgeben sind. Dies erweckt beim klägerischen Muster den Eindruck eines langgezogenen Streifens, beim Socken der Beklagten nähert sich das Rechteck hingegen einem Quadrat oder gedrungenem Raster. Das Augenmerk wird beim Rechteck der Beklagten auf die sich vom schwarzen Untergrund prägnant abhebende weiße Schrift gelegt und deren Positionierung zu den Ösen, nicht auf den Abstand zwischen den Ösen. Dieser Unterschied ist so ausgeprägt, dass man ihn als für den Gesamteindruck maßgeblich ansehen und davon ausgehend einen Eingriff verneinen kann.
[18] Die Einbeziehung der Ösen in die Ermittlung des Gesamteindrucks würde daher zu keinem für die Klägerin günstigeren Ergebnis führen.
4. Zum lauterkeitsrechtlichen Schutz gegen Nachahmung:
[19] 4.1 Mit ihrem Eventualbegehren will die Klägerin der Beklagten verbieten, Heizsocken und/oder beheizbare Strümpfe mit drei Druckknopfleisten [sic] in folgendem [rechts] oder ähnlichem Aussehen in Österreich zu vertreiben und/oder in Verkehr zu bringen, die dem Erzeugnis „heatsocks“ der Klägerin [links] nachgeahmt bzw verwechselbar ähnlich sind:
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img4is.jpg /Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img5is.jpg
[20] Nach den Feststellungen haben die Verpackungen und die Socken der Streitteile [auch; die Anschlussleiste befindet sich jeweils unter einer umgeklappten Stulpe] folgendes Aussehen (links Klägerin, rechts Beklagte):
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img6is.jpg
/Dokumente/Justiz/JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001/4Ob106_24b.img7is.png
[21] 4.2 Die Revision führt eine Verletzung von „§§ 1, 2 und § 9 UWG“ ins Treffen und argumentiert mit zwei Stoßrichtungen, nämlich einerseits mit einer „Irreführung“ und andererseits mit einem ausbeuterischen „Einschieben in eine fremde Serie“, weil es der Beklagten gerade auf eine Kompatibilität ankomme (was im Provisorialverfahren aus formalen Gründen nicht geprüft wurde). Sie verweist darauf, dass es für den lauterkeitsrechtlichen Schutz auf den Eindruck eines Durchschnittsverbrauchers ankomme, und rügt, dass sich die Vorinstanzen nicht mit der von ihr vorgelegten Studie bzw dazu geltend gemachten Mängel- und Beweisrügen auseinandergesetzt hätten. Demnach komme ihr „Marktführerschaft“ zu und ihren Socken eine „gewisse Verkehrsbekanntheit“ im Sinn einer wettbewerblichen Eigenart; 13 % der Befragten [von denen 8 % bereits Heizsocken verwendet haben] würden die beiden Socken [laut Klagebegehren] für „sehr ähnlich“ halten, weitere 49 % für „eher ähnlich“ und 48 % würden „keine markanten Unterschiede“ zwischen den Fabrikaten sehen.
[22] 4.3.1 Der Senat wies bereits im Provisorialverfahren darauf hin, dass im Interesse der Wettbewerbsfreiheit vom Grundsatz der Nachahmungsfreiheit auszugehen ist (RS0132651; jüngst 4 Ob 194/24v).
[23] Das Anbieten einer Nachahmung kann lauterkeitswidrig sein, wenn besondere Begleitumstände in Form eines unlauteren Verhaltens des Mitbewerbers hinzutreten, wie etwa eine sklavische Nachahmung bzw eine glatte Leistungsübernahme, eine vermeidbare Herkunftstäuschung oder eine unangemessene Ausnützung der Wertschätzung des nachgeahmten Produkts (RS0078130; 4 Ob 80/19x – Magnum Double mwN).
[24] 4.3.2 Die Beurteilung der Verwechslungsgefahr ist eine Rechtsfrage; eine Beweisaufnahme über die Anschauung der angesprochenen Verkehrskreise zur Verwechselbarkeit mehrerer Zeichen oder Produktaufmachungen ist nach ständiger Rechtsprechung nicht erforderlich, wenn – wie hier – die allgemeine Lebenserfahrung ausreicht (vgl RS0043640 [T3, T6]; RS0043518). Ob bei einer Nachahmung im Einzelfall Verwechslungseignung besteht, ist keine erhebliche Rechtsfrage (RS0042805).
[25] Wenn man die Heizsocken aus der Sicht eines Durchschnittsanwenders mit etwas erhöhter Aufmerksamkeit betrachtet, wird sich diesem erschließen, dass die Druckknöpfe zur Befestigung der Wärmequelle dienen und das „Bedienelement“ zweckmäßiger Weise möglichst weit oben liegen sollte, sodass der Druckknopfleiste samt Hinweisen auch aus lauterkeitsrechtlicher Perspektive kein besonderer Stellenwert zukommt. Selbst wenn man eine wettbewerbliche Eigenart der Socken der Klägerin unterstellt, wäre sie nach den Revisionsausführungen nur gering, sodass bereits geringe Abweichungen die Gefahr von Verwechslungen ausschließen (vgl RS0078676 [T2], RS0078169; 4 Ob 80/19x – Magnum Double). Damit ist die Entscheidung des Berufungsgerichts aber jedenfalls vertretbar, angesichts der mannigfaltigen Unterschiede in der Gesamtgestaltung der Socken eine Verwechslungsgefahr zu verneinen.
[26] 4.3.3 Dass sogar ein nicht unerheblicher Teil der angesprochenen Verkehrskreise die Druckknopfleiste (oder die Gestaltung der Socken insgesamt) kennen und als Hinweis auf ein bestimmtes Unternehmen iSd § 2 Abs 3 Z 1 UWG und § 9 Abs 3 UWG verstehen würde (vgl RS0127266), ergab sich im Verfahren nicht und wird von der Revision auch nicht mehr vertreten.
[27] 4.3.4 Eine bewusste Nachahmung (vgl RS0078297, RS0114533, 4 Ob 80/19x – Magnum Double) der Anzahl und Position der Druckknöpfe wird von der Revision zwar mehrfach unterstellt, ergibt sich jedoch ebenso wenig aus dem festgestellten Sachverhalt. Sekundäre Feststellungsmängel zu konkreten Tatsachen, aus denen die von der Klägerin behauptete Intention abzuleiten wäre, wonach es der Beklagten [zurechenbaren Personen] gerade um die Austauschbarkeit gehe, werden nicht geltend gemacht. Auch die Ausführungen zum (überragend) guten Ruf der Klägerin und ihrer Heizsocken finden keine Deckung in den Verfahrensergebnissen.
[28] 4.3.5 Die Beklagte vertreibt schließlich keine „Wechselsocken“ zur Nutzung mit Akkus der Klägerin. Vielmehr bietet sie unter ihrer – auf Socken und Verpackung prominent platzierten und sich vom Firmenschlagwort der Klägerin deutlich unterscheidenden – Marke bzw ihrem Logo ein eigenes System an bestehend aus Socken und Akkus, das „bloß“ kompatibel ist (wobei diese Kompatibilität laut Klagsvorbringen nur scheinbar gegeben ist).
[29] Diese Konstellation ist mit jener vergleichbar, wie sie zu 4 Ob 196/00b beurteilt wurde. Dort wurde bereits ein (schlecht) kompatibles, aber grundsätzlich eigenständiges Klemmbausteinsystem auch im Hinblick auf den Nachahmungsschutz nach § 1 und § 9 Abs 3 UWG und trotz „überragender Verkehrsgeltung“ des klagenden Markterschließers für zulässig angesehen.
[30] Erhebliche Rechtsfragen iSd § 502 Abs 1 ZPO stellen sich daher in diesem Zusammenhang nicht, sodass auch kein näheres Eingehen auf die Kritik an der Fallgruppe „Einschieben in eine fremde Serie“ erforderlich ist.
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001.
Quelle im RIS öffnenRIS-Text – Auszug
Der Oberste Gerichtshof hat als Revisionsgericht durch den Senatspräsidenten Dr. Schwarzenbacher als Vorsitzenden sowie den Vizepräsidenten Hon.‑Prof. PD Dr. Rassi, die Hofrätinnen Mag. Istjan, LL.M., und Mag. Waldstätten und den Hofrat Dr. Stiefsohn als weitere Richter in der Rechtssache der klagenden Partei * Ges.m.b.H., *, vertreten durch Hon.-Prof. Dr. Clemens Thiele, Rechtsanwalt in Salzburg, gegen die beklagte Partei * GmbH, *, vertreten durch die HULE BACHMAYR-HEYDA NORDBERG Rechtsanwälte GmbH in Wien, wegen Unterlassung, Beseitigung, Urteilsveröffentlichung, Rechnungslegung und Zahlung (Stufenklage) sowie Auskunftserteilung (Gesamtstreitwert 56.000 EUR), über die außerordentliche Revision der klagenden Partei gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Wien als Berufungsgericht vom 6. Mai 2024, GZ 1 R 35/24k-62, den
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001.
Quelle im RIS öffnenRIS-Text – Auszug
Die außerordentliche Revision wird gemäß § 508a Abs 2 ZPO mangels der Voraussetzungen des § 502 Abs 1 ZPO zurückgewiesen.
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001.
Quelle im RIS öffnenRIS-Text – Auszug
[1] Die Streitteile vertreiben jeweils Heizsocken, an die ein Akku angeschlossen werden kann. Für die Klägerin ist folgendes Gemeinschaftsgeschmacksmuster für „Strümpfe“ eingetragen:
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20250318_OGH0002_0040OB00106_24B0000_001.
Quelle im RIS öffnenZitiert von und Rechtsprechungslinie
Zitationsnetzwerk wird aus RIS-Fundstellen und Volltextauswertung aufgebaut.
Wichtige Punkte
- Ein geschütztes Design begründet nicht automatisch einen Eingriff durch ähnliche technische Anschlussmerkmale.
- Der Gesamteindruck ist beim Designschutz aus Sicht des informierten Benutzers zu beurteilen.
- Nachahmungen sind grundsätzlich frei; besondere unlautere Begleitumstände können das ändern.
- Bloße Kompatibilität eines eigenständig vermarkteten Systems begründete hier keine erhebliche Rechtsfrage.
Häufige Fragen
Was entschied der OGH in 4Ob106/24b?
Der OGH wies die außerordentliche Revision der Klägerin mangels erheblicher Rechtsfrage zurück. Die Klageabweisung der Vorinstanzen blieb bestehen. Deren Beurteilung eines unterschiedlichen Gesamteindrucks und fehlender Verwechslungsgefahr war im konkreten Fall vertretbar.
Sind drei Druckknöpfe an Heizsocken automatisch vom Designschutz erfasst?
Die Entscheidung enthält kein allgemeines Verbot solcher Anschlussgestaltungen. Selbst wenn Anzahl und Anordnung der Ösen nicht ausschließlich technisch bedingt sind, folgt daraus noch kein Eingriff. Maßgeblich bleibt der Gesamteindruck beim informierten Benutzer.
Welche Rolle spielte die EUIPO-Entscheidung?
Die Klägerin berief sich auf die Bindungswirkung des EUIPO-Nichtigkeitsverfahrens. Der OGH hielt entgegen, dass die betreffenden Regelungen die Rechtsgültigkeit des Musters betreffen. Von dieser waren die Vorinstanzen ohnehin ausgegangen.
Ist die Kompatibilität mit einem fremden Heizsockensystem unlauter?
Der OGH traf keine allgemeine Aussage für alle kompatiblen Produkte. Hier bot die Beklagte ein eigenes, deutlich gekennzeichnetes System aus Socken und Akkus an. Diese Konstellation begründete keine erhebliche Rechtsfrage zum Nachahmungsschutz.
Quelle und Hinweis
Diese LexFind-Seite wurde aus RIS-Metadaten, RIS-Volltext und einem LLM-Entwurf generiert. Sie ist ein Rechercheeinstieg und ersetzt nicht die Prüfung der Originalentscheidung.
Die Abbildungen lagen nur als Dateiverweise vor; Gestaltungsmerkmale werden nach der Beschreibung des OGH wiedergegeben.
Automatisch aus RIS-Metadaten und abrufbarem Volltext erzeugt.
Weiter recherchieren
Verwandte Suchseiten
Weitere OGH-Entscheidungen
Arbeitgeberregress bei konzernnahen Dritten: OGH 9ObA63/26v
Der OGH bestätigt den Schutz nach § 4 DHG auch bei Schäden einer öffentlich-rechtlichen Muttergesellschaft der Arbeitgeberin.
Laborräume als Klassen bei der Schulleiterzulage – OGH 9ObA56/26i
Für die Schulleiterzulage zählt die organisatorische Einheit, nicht die Zahl der Laborräume. OGH 9ObA56/26i zur Klassenzählung.
Deponiegase: Amtshaftung für unterlassene Schutzmaßnahmen – 1Ob60/26v
Nach einem tödlichen Unfall durch Deponiegase blieb die Revision erfolglos. Der OGH prüfte Planungsmaßnahmen, Bauauflagen und Aufklärung.
Rechtsrüge zu Leasingverträgen nicht nachholbar – OGH 1Ob93/26x
Der OGH weist die Revision zurück: Eine in der Berufung nicht gesetzmäßig ausgeführte Rechtsrüge kann nicht nachgeholt werden.