RIS-Daten auf einen Blick
Sachverhalt
Das Verfahren betraf die Rückführung eines 2023 geborenen Kindes nach dem Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ). Der in der Schweiz lebende Vater erhob einen außerordentlichen Revisionsrekurs gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 28. Jänner 2026. [3]
Nach den im Volltext wiedergegebenen Feststellungen stimmte der Vater am 3. Februar 2024 zu, dass das Kind mit der Antragsgegnerin dauerhaft nach Österreich zieht. Das Kind hielt sich dort seit Februar 2024 auf. Als die Antragsgegnerin Ende März von ihren Wohnungs- und Autokaufplänen berichtete, erklärte der Vater, sie könne machen, wie sie glaube; er bleibe in der Schweiz. Im April half er beim Packen und Verladen ihres Hausrats. Den Rückführungsantrag stellte er am 8. Oktober 2024. [3] [6]
Ausführungen des OGH
Art 13 Abs 1 lit a HKÜ sieht eine Ausnahme von der Rückgabepflicht vor: Das Gericht des ersuchten Staates ist nicht zur Rückgabe verpflichtet, wenn die widersprechende Person nachweist, dass die sorgeberechtigte Person dem Verbringen zugestimmt oder dieses nachträglich genehmigt hat. [2] [5]
- Zustimmung zum dauerhaften Aufenthaltswechsel: Erforderlich ist die Zustimmung des (Mit-)Obsorgeberechtigten zu einer dauerhaften Aufenthaltsänderung. Sie kann aus einer ausdrücklichen Erklärung oder den Gesamtumständen folgen und grundsätzlich formfrei oder durch schlüssiges Verhalten erfolgen. [6]
- Beweislast: Die Beweislast für die Zustimmung nach Art 13 Abs 1 lit a HKÜ trägt die Antragsgegnerseite. Der OGH verweist dazu auf RS0074561 [T4]. [6]
- Einzelfallbeurteilung: Ob sich eine Zustimmung aus den Umständen ergibt, hängt vom Einzelfall ab. Der OGH überprüft diese Beurteilung nur bei einer aufzugreifenden Fehlbeurteilung der Vorinstanzen. [6]
- Bindung an die Tatsachenfeststellungen: Der OGH ist auch im Außerstreitverfahren keine Tatsacheninstanz. Er ist an die Feststellungen und die Beweiswürdigung der Vorinstanzen gebunden. Eine Rechtsrüge muss vom festgestellten Sachverhalt ausgehen und die für die jeweilige Frage wesentlichen Feststellungen vollständig berücksichtigen. [6]
- Einwände des Vaters: Der Vater erklärte sein Verhalten mit dem Wunsch, die Beziehung zu deeskalieren und die Antragsgegnerin zur Rückkehr zu bewegen. Darin sah der OGH einen unzulässigen Angriff auf die vom Rekursgericht gebilligte Beweiswürdigung des Erstgerichts. [6]
- Unzumutbare Lage nicht mehr geprüft: Da die Annahme einer ausreichend deutlichen Zustimmung nicht zu beanstanden war, ging der OGH auf die weiteren Ausführungen zu einer unzumutbaren Lage nach Art 13 Abs 1 lit b HKÜ nicht mehr ein. [6]
Ergebnis
Mit Beschluss vom 18. März 2026 wies der OGH den außerordentlichen Revisionsrekurs mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurück. Die auf den Feststellungen beruhende Annahme einer Zustimmung des Vaters zum dauerhaften Aufenthaltswechsel war nicht zu beanstanden. Eine erhebliche Rechtsfrage wurde nicht dargetan. [4] [6]
Rechtsgrundlagen
Die Entscheidung verbindet den Zustimmungstatbestand des HKÜ mit den Grenzen der Überprüfung durch den OGH im außerstreitigen Rechtsmittelverfahren. [5] [6] [4]
- Art 13 Abs 1 lit a HKÜ: Die nachgewiesene Zustimmung zum Verbringen oder dessen nachträgliche Genehmigung kann die Verpflichtung zur Rückgabe entfallen lassen. [5]
- § 62 Abs 1 AußStrG: Der OGH verneinte das Vorliegen einer erheblichen Rechtsfrage als Voraussetzung für die Zulässigkeit des außerordentlichen Revisionsrekurses. [4] [6]
- § 71 Abs 3 AußStrG: Diese Bestimmung wird im Spruch bei der Zurückweisung des außerordentlichen Revisionsrekurses angeführt. [1]
- Rechtsprechung zur Zustimmung: Der OGH verweist insbesondere auf 6 Ob 99/22k, 6 Ob 130/20s, 6 Ob 75/21d, 6 Ob 25/21a sowie RS0123748 zur Zustimmung und RS0074561 [T4] zur Beweislast. [6]
Kernaussage (Zusammenfassung)
Der OGH wies den außerordentlichen Revisionsrekurs des Vaters zurück. Die Annahme seiner Zustimmung zum dauerhaften Umzug des Kindes nach Österreich war auf Grundlage der Feststellungen nicht zu beanstanden. Seine abweichende Erklärung des eigenen Verhaltens bekämpfte unzulässig die Beweiswürdigung. Eine erhebliche Rechtsfrage wurde nicht aufgezeigt.
Spruch (Originaltext aus dem RIS)
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen (§ 71 Abs 3 AußStrG).
Begründung:
Quellennachweise aus dem RIS
Spruch – Auszug
Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen (§ 71 Abs 3 AußStrG).
Begründung:
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20260318_OGH0002_0060OB00043_26F0000_000.
Quelle im RIS öffnenRechtliche Beurteilung – Auszug
[1] 1. Gemäß Art 13 Abs 1 lit a HKÜ ist das Gericht des ersuchten Staates unter anderem dann nicht verpflichtet, die Rückgabe des Kindes anzuordnen, wenn die Person, die sich der Rückgabe des Kindes widersetzt, nachweist, dass die Person, der die Sorge für die Person des Kindes zustand, dem Verbringen zugestimmt oder dieses nachträglich genehmigt hat.
Vollständigen Abschnitt anzeigen
[1] 1. Gemäß Art 13 Abs 1 lit a HKÜ ist das Gericht des ersuchten Staates unter anderem dann nicht verpflichtet, die Rückgabe des Kindes anzuordnen, wenn die Person, die sich der Rückgabe des Kindes widersetzt, nachweist, dass die Person, der die Sorge für die Person des Kindes zustand, dem Verbringen zugestimmt oder dieses nachträglich genehmigt hat.
[2] 2. Nach gefestigter Rechtsprechung wird die Zustimmungsvoraussetzung des Art 13 Abs 1 lit a HKÜ nur durch eine Zustimmung zu einer dauerhaften Aufenthaltsänderung durch den (Mit‑)Obsorgeberechtigten erfüllt, die sich unmittelbar aus einer Erklärung oder aus den Gesamtumständen ergeben kann (6 Ob 99/22k Rz 4; 6 Ob 130/20s ErwGr 2.; RS0123748). Die Zustimmung iSd Art 13 Abs 1 lit a HKÜ kann grundsätzlich auch formfrei erklärt werden oder durch konkludentes Verhalten erfolgen (6 Ob 99/22k Rz 4; 6 Ob 75/21d Rz 3; 6 Ob 25/21a Rz 2 mwN). Die Beweislast für die Erfüllung der Zustimmungsvoraussetzung des Art 13 Abs 1 lit a HKÜ trägt der Antragsgegner (RS0074561 [T4]).
[3] Ob sich die Zustimmung unmittelbar aus den Umständen ergibt, kann nur nach den Verhältnissen des Einzelfalls beurteilt werden (6 Ob 99/22k Rz 4; 6 Ob 75/21d; Rz 3; 6 Ob 25/21a Rz 1; 6 Ob 130/20s ErwGr 2.; RS0123748 [T1]). Eine Einzelfallbeurteilung ist für den Obersten Gerichtshof nur dann überprüfbar, wenn den Vorinstanzen eine aufzugreifende Fehlbeurteilung unterlaufen wäre (6 Ob 99/22k Rz 4; vgl RS0044088).
[4] 3. Der Oberste Gerichtshof ist auch im Außerstreitverfahren nicht Tatsacheninstanz (RS0108449 [T2]; RS0006737; RS0006379 [T4]; zum Verfahren über die Rückführung nach dem HKÜ vgl 6 Ob 111/25d Rz 6 mwN). Es besteht daher eine Bindung an die Beweiswürdigung der Vorinstanzen und an deren Feststellungen (6 Ob 153/24d Rz 5). Eine rechtliche Überprüfung der bekämpften Entscheidung im Rahmen des Rechtsmittelgrundes der unrichtigen rechtlichen Beurteilung durch den Obersten Gerichtshof setzt daher voraus, dass der Rechtsmittelwerber auf Basis des festgestellten Sachverhalts argumentiert (vgl RS0043312 [T12]) und ihn auch – soweit für eine bestimmte Frage wesentlich – vollständig berücksichtigt (vgl 6 Ob 103/23z Rz 2).
[5] 4. Nach den Feststellungen willigte der Antragsteller anlässlich eines Gesprächs am 3. 2. 2024 ein, dass das Kind mit der Antragsgegnerin dauerhaft nach Österreich zieht. Es hält sich seit Februar 2024 mit der Antragsgegnerin in Österreich auf. Der Antragsteller besucht die beiden. Als die Antragsgegnerin dem Antragsteller Ende März 2024 anlässlich eines Besuchs erzählte, dass sie plane, ein Auto zu erwerben, und sie eine Wohnung gefunden habe und dort künftig mit dem Kind gemeinsam wohnen werde, erklärte der Antragsteller, sie könne ja machen wie sie glaube, er bleibe sicher in der Schweiz. Im April 2024 übersiedelte die Antragsgegnerin ihren Hausrat mit einem Kleintransporter nach Österreich, wobei der Antragsteller beim Packen und Verladen half. Ihre letzten Sachen holte sie Anfang Juli 2024 nach Österreich.
[6] Der Antragsteller stellte am 8. 10. 2024 einen Rückführungsantrag.
[7] 5. Wenn die Vorinstanzen bei dieser Sachlage von einer ausreichend deutlichen Zustimmung des Vaters iSd Art 13 Abs 1 lit a HKÜ ausgingen, ist dies nicht zu beanstanden. Mit seinen Ausführungen im Revisionsrekurs, sein Verhalten sei vom Wunsch geprägt gewesen, die Beziehung zu deeskalieren und die Antragsgegnerin zur Rückkehr zu bewegen, bekämpft er in unzulässiger Weise die vom Rekursgericht gebilligte Beweiswürdigung des Erstgerichts.
[8] 6. Auf die weiteren Ausführungen im Revisionsrekurs zur Beurteilung des Vorliegens einer unzumutbaren Lage gemäß Art 13 Abs 1 lit b HKÜ braucht daher nicht mehr eingegangen zu werden.
[9] 7. Zusammengefasst wird keine erhebliche Rechtsfrage iSd § 62 Abs 1 AußStrG dargetan, sodass der außerordentliche Revisionsrekurs des Vaters zurückzuweisen war.
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20260318_OGH0002_0060OB00043_26F0000_000.
Quelle im RIS öffnenRIS-Text – Auszug
Der Oberste Gerichtshof hat durch die Senatspräsidentin Dr. Hofer‑Zeni‑Rennhofer als Vorsitzende sowie die Hofrätinnen und Hofräte Hon.‑Prof. Dr. Faber, Mag. Pertmayr, Dr. Weber und Mag. Nigl LL.M. als weitere Richter in der Außerstreitsache des Antragstellers B*, Schweiz, vertreten durch Mag. Jakob Weinrich, LL.M., Rechtsanwalt in Wien, wider die Antragsgegnerin S*, vertreten durch Hornek Hubacek Lichtenstrasser Epler Rechtsanwälte OG in Wien, wegen Rückführung des minderjährigen M*, geboren * 2023, nach dem Haager Kindesentführungsübereinkommen, über den außerordentlichen Revisionsrekurs des Antragstellers gegen den Beschluss des Landesgerichts St. Pölten als Rekursgericht vom 28. Jänner 2026, GZ 23 R 34/26m‑56, den
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20260318_OGH0002_0060OB00043_26F0000_000.
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Der außerordentliche Revisionsrekurs wird mangels der Voraussetzungen des § 62 Abs 1 AußStrG zurückgewiesen (§ 71 Abs 3 AußStrG).
Vollständige Absätze aus dem RIS-Dokument JJT_20260318_OGH0002_0060OB00043_26F0000_000.
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[1] 1. Gemäß Art 13 Abs 1 lit a HKÜ ist das Gericht des ersuchten Staates unter anderem dann nicht verpflichtet, die Rückgabe des Kindes anzuordnen, wenn die Person, die sich der Rückgabe des Kindes widersetzt, nachweist, dass die Person, der die Sorge für die Person des Kindes zustand, dem Verbringen zugestimmt oder dieses nachträglich genehmigt hat.
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[2] 2. Nach gefestigter Rechtsprechung wird die Zustimmungsvoraussetzung des Art 13 Abs 1 lit a HKÜ nur durch eine Zustimmung zu einer dauerhaften Aufenthaltsänderung durch den (Mit‑)Obsorgeberechtigten erfüllt, die sich unmittelbar aus einer Erklärung oder aus den Gesamtumständen ergeben kann (6 Ob 99/22k Rz 4; 6 Ob 130/20s ErwGr 2.; RS0123748). Die Zustimmung iSd Art 13 Abs 1 lit a HKÜ kann grundsätzlich auch formfrei erklärt werden oder durch konkludentes Verhalten erfolgen (6 Ob 99/22k Rz 4; 6 Ob 75/21d Rz 3; 6 Ob 25/21a Rz 2 mwN). Die Beweislast für die Erfüllung der Zustimmungsvoraussetzung des Art 13 Abs 1 lit a HKÜ trägt der Antragsgegner (RS0074561 [T4]).
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Quelle im RIS öffnenZitiert von und Rechtsprechungslinie
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Wichtige Punkte
- Die Zustimmung nach Art 13 Abs 1 lit a HKÜ muss eine dauerhafte Aufenthaltsänderung erfassen.
- Eine Zustimmung kann formfrei erklärt werden oder sich aus schlüssigem Verhalten ergeben.
- Die Antragsgegnerseite trägt die Beweislast für die Zustimmung.
- Der OGH überprüft die Beweiswürdigung der Vorinstanzen nicht als Tatsacheninstanz.
- Auf Art 13 Abs 1 lit b HKÜ ging der OGH wegen der bereits bejahten Zustimmung nicht mehr ein.
Häufige Fragen
Welche Zustimmung ist nach Art 13 Abs 1 lit a HKÜ erforderlich?
Nach der angeführten Rechtsprechung muss der (Mit-)Obsorgeberechtigte einer dauerhaften Aufenthaltsänderung zustimmen. Die Zustimmung kann unmittelbar erklärt werden oder sich aus den Gesamtumständen ergeben.
Muss die Zustimmung zum Umzug eines Kindes schriftlich erfolgen?
Der OGH hält fest, dass die Zustimmung grundsätzlich formfrei erklärt werden kann. Auch schlüssiges Verhalten kann eine Zustimmung begründen.
Wer muss die Zustimmung im HKÜ-Rückführungsverfahren beweisen?
Die Beweislast für die Erfüllung der Zustimmungsvoraussetzung trägt die Antragsgegnerseite, die sich der Rückgabe widersetzt.
Warum wurde der Revisionsrekurs in 6Ob43/26f zurückgewiesen?
Der Vater zeigte keine erhebliche Rechtsfrage auf. Die Annahme seiner Zustimmung war nach den Feststellungen nicht zu beanstanden. Seine abweichende Darstellung der Beweggründe griff unzulässig die Beweiswürdigung an.
Quelle und Hinweis
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